Digitaler Euro – Betrachtung von Auswirkungen und Chancen für Banken

Die Einführung des digitalen Euro wird in der Branche sehr kontrovers diskutiert. Hier stellt sich nicht mehr die Frage, “ob“, sondern „wann“ und „in welchem Umfang“ die Integration eines Digitalen Euro für ein Finanzinstitut ein echtes Thema sein wird. Die Einführung des digitalen Euro verspricht für Verbraucher eine verbesserte Bequemlichkeit und mehr Sicherheit beim Geldtransfer sowie eine Verringerung der Transaktionskosten im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr.

Um Playern außerhalb Europas das Spielfeld nicht überlassen zu müssen, ist zügiges und zugleich bedachtes Handeln bei der Einführung erforderlich. Die Ausgestaltung und die Konsequenzen einer digitalen europäischen Währung sind im Vorfeld genau zu prüfen, um nicht die Profitabilität und Finanzstabilität im Finanzsektor zu gefährden.

Die folgenden Ausführungen behandeln zentrale Fragen im Umgang mit dem digitalen Euro. Dieser Artikel hilft dem Leser,

  • aktuelle Entwicklungen zu kennen,
  • Erwartungen an den digitalen Euro zu formulieren,
  • denkbare Ansätze des digitalen Geldes zu skizzieren,
  • die zentralen Fragen zu stellen und
  • Auswirkungen auf Banken und Handlungsbedarfe zu verstehen.

Welche aktuellen Entwicklungen gibt es derzeit zum Digitalen Euro?

Immer mehr Anbieter (u. a. Fintech-Unternehmen, Plattformanbieter) mit digitalen Bezahllösungen drängen auf den Markt. Dabei werden neue Formen digitalen Geldes über dezentrale Netzwerke in Verbindung mit Smart Contracts angeboten. Größere Inititativen laufen bereits seit einigen Jahren. So prüft die People´s Bank of China bereits seit 2014 die Einführung eines digitalen Yuan. Inzwischen beschäftigen sich auch ca. 90 % der Zentralbanken mit der Einführung einer „Central Bank Digital Currency“ (CBDC) als Wholesale- oder als Retail-CBDC.

Um eine Abhängigkeit von nichteuropäischen Anbietern zu vermeiden, sind seitens der europäischen Institutionen weitere Bemühungen erforderlich, um die Ausgestaltung und die Auswirkungen eines digitalen Euros zu untersuchen. Folgende Erwartungen an einen digitalen Euro wurden bereits formuliert: „Der digitale Euro soll für jedermann nutzbar und verfügbar sein“ und „durch seine Programmierbarkeit soll ein innovativer Nutzen entstehen“. Ob es dazu tatsächlich kommt, bleibt abzuwarten.

Bis zur Marktreife eines digitalen Euro sind jedoch noch grundsätzliche Fragen zu klären. Ein weitgehender Ersatz von Geschäftsbankengeld durch digitales Zentralbankgeld hat zum einen Auswirkungen auf die Geldpolitik und die Finanzstabilität, zum anderen kann es zu einem Bedeutungsverlust von Banken als Intermediäre führen. Eine vollständige Anonymität wie im Bargeldverkehr ist bei digitalem Geld voraussichtlich nicht sichergestellt, da eine Art elektronisches Register als Kopierschutz bzw. zur Vermeidung von Mehrfachverwendungen als Kontrollmedium nötig sein wird. Wichtig wird jedoch sein, die Kreditwirtschaft von Beginn an in die Diskussionen miteinzubeziehen. Gut durchdachte, sichere und komfortable Lösungen sind wichtiger als eine schnelle Einführung.

Welche Anforderungen werden für den Einsatz des digitalen Euro formuliert?

Es wurden bereits diverse Erwartungen an einen digitalen Euro formuliert. Die wesentlichen Kriterien lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Universalität des Geldes
    Digitales Geld sollte universell einsetzbar und friktionslos in andere Geldformen tauschbar sein. Die Ausgestaltung der digitalen Gelder richtet sich nach deren Funktionalität
  • Effizienz im Zahlungsverkehr
    Digitaler Zahlungsverkehr soll analog dem traditionellen Zahlungsverkehr den Grundprinzipien Sicherheit und Effizienz folgen. Neue Abwicklungstechnologien in dezentralen oder zentralen Netzwerken können Effizienzgewinne erzielen
  • Gewährleistung der Sicherheit
    Digitale Zahlungen müssen den Sicherheitsanforderungen im Zahlungsverkehr gerecht werden (Verhinderung von Geldwäsche, Schutzniveau usw.)
  • Innovativer Mehrwert
    Die Innovation digitalen Geldes liegt in seiner Programmierbarkeit. Eine vollautomatische Abrechnung zwischen Maschinen oder eine unmittelbare Begleichung eines Betrages in Abhängigkeit des Verbrauchs oder der Nutzung sind mögliche Funktionen
  • Kontrollierbare Implikationen
    Implikationen digitalen Geldes müssen hinreichend analysiert werden. Dieses gilt nicht nur für Geldpolitik und Finanzstabilität, sondern auch aus ordnungspolitischer Sicht (z. B. Kontrolle über Zentralbanken und Geschäftsbanken)

Welche Ansätze für digitales Geld sind denkbar?

Aktuell kristallisiert sich noch nicht heraus, wie das digitale Geld ausgestaltet sein sollte. Diesbezüglich gibt es jedoch bereits Ansätze, die parallel verfolgt werden. Neben Stablecoin-Anwendungen gibt es u. a. Trigger Lösungen, tokenisiertes Geschäftsbankengeld oder auch eine Kombination von Lösungen, die betrachtet werden müssen. Wichtig ist hier vor allem die Frage des „Warum“, d. h. der Nutzen einer Lösung steht im Mittelpunkt. Bei mehreren Lösungen ist eine Art Standardisierung und eine Interoperabilität sicherlich vorteilhaft.

Mögliche Ansätze für digitales Geld

Details werden aktuell im Rahmen der „Markets in Crypto-Assets (MiCA)“ formuliert, bei deren Ausgestaltung u. a. die Bundesbank und die EZB mitwirken. Eine weitere zentrale Frage bezieht sich auf die Zielgruppe, für die eine CBDC als „Wholesale-CBDC“ oder als „Retail-CBDC“ zugänglich sein soll. Beide Formen haben Vorteile, sind jedoch auch mit Risiken verbunden.

Bei der Wholesale-CBDC wäre der Nutzerkreisauf Geschäftsbanken beschränkt. Diese Form hätte zunächst keine negativen Implikationen auf die Finanzstabilität und eine geldpolitische Implementierung. Vorteile ergeben sich aufgrund der Programmierbarkeit durch eine höhere Automatisierung bei der Wertpapierabwicklung und der Prozessoptimierung. Aktuelle Initiativen beschäftigen sich bereits mit einer Tokenisierung von Wertpapieren über DLT-Netzwerke (z. B. Distributed-Ledger-Technologie (DLT) – Pilotregime für Marktinfrastrukturen mit Anschluss an Zahlungsverkehrs-Infrastruktur TARGET2). Der Wholesale-Token lässt sich auch im Liquiditätsmanagement der Institute integrieren. Guthaben auf Zentralbankkonten könnten in Teilen durchaus als Wholesale-Token gebunden sein.

Die Retail-CBDC Ausgabe birgt höhere Risiken aufgrund des größeren Nutzerkreises durch die Verbraucher. Diese Retail-Variante hätte Auswirkungen auf das Finanzsystem und die Geldpolitik, die aktuell noch weitestgehend ungeklärt sind. Der Retail-Token würde als Komplement zu anderen Geldformen im Umlauf sein, müsste jedoch die Risiken durch Vorteile wie eine Effizienzsteigerung im Zahlungsverkehr, in der Produktion und auf den Finanzmärkten abfedern.

Welche grundsätzlichen Überlegungen und zentralen Fragen zum digitalen Euro gibt es derzeit?

Die EZB hat bereits erste Überlegungen zum digitalen Euro vorgenommen. Eine grundsätzliche Entscheidung des EZB-Rats zum Start einer Projektphase mit dem digitalen Euro steht noch aus.

Die EZB skizziert mögliche Leitplanken zum digitalen Euro wie folgt:

Erste Überlegungen zum digitalen Euro seitens der EZB

Wichtig wird sein, bei diesen Überlegungen und der Analyse von Auswirkungen möglicher Risiken eine breite öffentliche Konsultation zu führen. Die Qualität der Untersuchung sollte jedoch Vorrang haben vor einem voreiligen Beschluss.

Vergleicht man die Eigenschaften beider Zahlungsmittel Bargeld und digitalem Euro, wird klar, dass ein Ersatz für Bargeld 1:1 nicht möglich ist.

Vergleich von Eigenschaften von Bargeld gegenüber einem digitalen Euro

Aus der Gegenüberstellung der Eigenschaften beider Zahlungsmittel lassen sich jedoch grundsätzliche Prinzipien für die Einführung eines digitalen Euro ableiten, die sehr gut das aktuelle EZB-Verständnis wiedergeben. Diese lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Prinzipien für die Einführung des digitalen Euro

Natürlich verfolgt die Zentralbank hierbei auch Eigeninteressen, die mit der Einführung eines digitalen Euro weiterhin Bestand haben werden. So wird die EZB weiterhin die Geschicke der Geldpolitik lenken. Es wird sich zeigen, wie weit der aktuelle Prüfungsansatz der EZB „General Purpose CBDC“ verfolgt werden kann. Bei der Stablecoin-Variante dürfte jedoch sicher sein, dass erst eine Absicherung des Stablecoin-Tokens mit staatlichem Geld Stabilität schaffen wird.

Aus den Vorüberlegungen lassen sich nun relevante zentrale Themen ableiten, die bei der Beurteilung der Ausgestaltung des digitalen Euro und seiner Konsequenzen zu betrachten sind:

Prüfthemen von Finanzindustrie, v. a. von Zentralbanken

Es ist davon auszugehen, dass noch weitere Themen hinzukommen. Es wird jedoch klar, dass die Einführung eines digitalen Euro mit großen Veränderungen einhergeht und das aktuelle System nachhaltig verändern wird.

Welche Prüffelder ergeben sich nun aus diesen Überlegungen für die Kreditinstitute?

Ein grundsätzlicher Konsens kann wohl sein, dass CBDC ein notwendiges Instrument darstellt, um die Digitalisierung der europäischen Wirtschaft und ihre Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Mit dem digitalen Euro wird v. a. als zentrales Ziel verfolgt andere Geldformen als alternatives Tauschmittel und Wertaufbewahrung abzuwehren.

Für die Banken ergeben sich auf Grundlage der diskutierten Ausprägungen folgende Prüffelder, die jedes Finanzinstitut betreffen:

  1. Gefährdungsgrad für das Geschäftsmodells des Instituts und Einfluss auf seine Profitabilität
  2. Abfederung einer Erhöhung der (Re-)Finanzierungskosten und Veränderung der Risikobereitschaft durch Abzug von Einlagen
  3. Umgang mit Einschränkungen in einer Kreditvergabe durch höhere Refinanzierungskosten
  4. Kompensation eines bröckelnden Zinsgeschäfts
  5. Zukünftiger Zugang zu kostengünstigem und ausfallsicherem Zentralbankgeld analog dem Bargeld heute
  6. Umgang mit Abfluss von Bankguthaben hin zu CBDC (schwer prognostizierbar)

Was können die Institute bereits heute tun, um Chancen zu nutzen?

Die Institute können sich im ersten Schritt auf Ihre Stärken besinnen, v. a. im Bereich des Zahlungsverkehrs. Für die Ausgestaltung anderer Handlungsfelder sind weitere Konkretisierungen und Erkenntnisse zur möglichen Umsetzung und deren Auswirkungen notwendig.

Die folgende Übersicht fasst mögliche Handlungsfelder zusammen:

Aktivitäten, die heute bereits Banken prüfen können

Aktuell gibt es in den Banken bereits viele Innovationsprojekte, die eher als unabhängige Einzelprojekte betrieben werden. Bei dieser Fragenstellung sind neben dem digitalen Euro auch Themen wie Tokenisierung und Krypro-Assets mitzubetrachten. Die Einschätzung der Chancen definiert sich hierbei stets über eine Abwägung zwischen dem Kundennutzen und dem Thema Sicherheit. Bisher fehlt jedoch der entscheidende Schritt, da Rahmenbedingungen und sich daraus ergebende Risiken noch unklar sind.

Eine Chance liegt neben den bereits beschriebenen Vorteilen im Zahlungsverkehr (Kostenreduktion und Prozessverbesserungen) bei der Herausarbeitung des Kundennutzens und eine Vereinfachung des Zugangs zu neuen Bankprodukten. Vor allem die Usability von Bankprodukten, die auf bestimmte Kundengruppen zugeschnitten werden, spielt hier eine entscheidende Rolle.

Auf der IT-Seite mit seinen heute bekannten Problemen bietet die Blockchain-Technologie im Bereich „run the bank“ sehr viele Chancen, aktuelle IT-Probleme wie veraltete Systeme und hohe Kosten besser in den Griff zu bekommen. Frühe Erfahrungen im Umgang mit der neuen Technologie sind hierbei wichtig. Fragen zu sicherheitsrelevanten Aspekten wie Cybersecurity und Datenschutz sind sicherlich noch zu lösen.

Erste Use-Cases im Umgang mit Blockchain- und Krypto-Assets bzw. erste Entwicklungen im Bereich von programmierbaren Blockchains wurden bereits gestartet. Neue Bankprodukte sind in das Gesamtangebot mitaufzunehmen.

Wie lassen sich die Chancen nun effizient nutzen?

Aufgrund unserer langjährigen Branchenerfahrung in Verbindung mit Regulatorik, Transformationsexpertise und Kenntnis der neusten Marktentwicklungen begleiten wir Sie gerne bei ihrer individuellen Digitalisierungs-Journey in diesem dynamischen Umfeld. Gerne stehen wir Ihnen bei den anstehenden Themen Tokenisierung, Entwicklungen im Zahlungsverkehr bzw. bei der Weiterentwicklung ihres Geschäftsmodells zur Seite.

Profitieren Sie von der langjährigen Expertise unserer bankon Berater in der Gestaltung Ihres Vendor Managements. Sprechen Sie uns an.

bankon Management Consulting GmbH & Co. KG
Max-Planck-Str. 8
85609 Aschheim/München

Tel.: (089) 99 90 97 90
Fax: (089) 99 90 97 99

Web: https://www.bankon.de
E‑Mail: research@bankon.de

Abstand - S